• Community Roman - Kapitel 4

  • Kapitel 4

    Während Yeran sich von Avril verabschiedete, um das Pionierhaus in der Mitte des Dorfplatzes aufzusuchen, beschäftigten ihn die Wirren der letzten Ereignisse nach wie vor. Er konnte sich nicht mehr genau daran erinnern, was mit ihm am See geschehen war. Von Narfas, dem Quellgott, hatte er zwar bereits einiges gehört, doch im täglichen Leben der Pioniersiedlung spielte dieser eher eine untergeordnete Rolle. Das Landleben am Fuß der Heulenden Berge war von Beschaulichkeit und dem Gang der Jahreszeiten geprägt. Tiefergehende Betrachtungen zu den Göttern Taboreas suchte man dort vergebens. Wenn es die Gelegenheit mit sich brachte, wurden in Zeiten der Ernte und der Saat andächtige Lieder gesungen oder bei Hochzeiten und Geburten stille Gebete gesprochen. Doch der übliche Tagesablauf in der Siedlung war arbeitsreich und ließ den Menschen nur wenig Zeit für Dinge, die jenseits ihrer kleinen Welt lagen. Möglicherweise war gerade dies der Grund, warum das Wasser der Siedlung seit einiger Zeit mehr und mehr durch Sporen verunreinigt wurde, dachte Yeran bei sich. Vielleicht zürnte Narfas den Menschen, weil er sich und sein lebensspendendes Element durch sie vernachlässigt sah. Aber wie Yeran die Sache auch drehte und wendete, er konnte im Augenblick einfach keine schlüssige Erklärung finden.

    Als er schließlich den Dorfplatz erreichte, war es dort ungewöhnlich still. Vom Pionierhaus drang kein freudiger Lärm zu den anderen Häusern herüber, wie dies sonst bei einer üppigen Bewirtung der Gäste üblich war. Denn Fröhlichkeit und ein reich gedeckter Tisch waren für die Pioniere in den Heulenden Bergen ein Zeichen wahrer Gastfreundschaft. Aber an diesem Tag wollte das Pionierhaus auf Yeran einfach keinen einladenden Eindruck machen. Die Vorhänge in den kleinen Fenstern waren bis an den Rand zugezogen worden und auch die Eingangstür, die Leighton sonst immer einen Spalt offen ließ, war geschlossen und hielt dem Betrachter abweisend ihren Knauf entgegen. Da Yeran kein größeres Aufsehen erregen wollte, betrat er nach kurzem Anklopfen das Pionierhaus. Die Leute im Dorf waren schließlich neugierig und beobachteten ihn sicher schon heimlich aus den Winkeln ihrer Stuben. Hätte er zu lange gezögert, wären sie misstrauisch geworden, und hätten sich früher oder später die abenteuerlichsten Geschichten über die ganze Sache erzählt. Die Pioniere waren zwar allesamt anständige Leute, doch wann immer sich eine Gelegenheit für Klatsch und Tratsch bot, brach ein regelrechter Wettbewerb in Sachen Flunkern los.

    Im Inneren des Pionierhauses war es tatsächlich so dunkel, wie Yeran erwartet hatte. Ein ungewöhnlicher Zustand für ein Gästehaus, dachte der junge Steinhauer. Durch die Vorhänge schimmerte matt das Tageslicht herein und verbreitete so zumindest ein wenig Helligkeit in den aus kräftiger Esche und Eiche gezimmerten Räumen. Leighton und seine Gäste mussten sich im oberen Stockwerk aufhalten, da die Amtsstube unbesetzt war. Und dies kam selten genug vor, da der Anführer der Siedler einen Großteil seiner Amtsgeschäfte von dort aus erledigte. Yeran verließ die Amtsstube daher wieder und ging behutsam über die hölzernen Stufen der Treppe, die sich im hinteren Teil des Vorzimmers befand, nach oben. Die Stille im Haus hatte seine Sinne geschärft, sodass er neben dem Knarren der Stiegenbretter noch andere Geräusche hören konnte, je weiter er nach oben gelangte. Genau genommen waren es eigentlich gar keine Geräusche, sondern vielmehr die Stimmen von Leighton und seinen Gästen, die erst leise und dann immer deutlicher durch die geschlossene Tür des Gästezimmers drangen. Oben angekommen klopfte Yeran schließlich vorsichtig an. Die Gespräche im Inneren verstummten.

    „Herein“, hörte er nach einem Moment der Stille endlich jemanden sagen. Yeran kannte die Stimme nicht, öffnete daher nur langsam die Tür und betrat zögerlich das abgedunkelte Gästezimmer. In der Mitte des Raumes standen drei Männer um den runden Gästetisch, auf dem eine Art Karte zu liegen schien. Nur dass diese Karte nicht auf vergilbtem Pergament geschrieben worden war und auch nicht die Spuren zähflüssiger Tinte aufwies, wie dies sonst üblich war. Wenn man jedoch von der ungewöhnlichen Beschaffenheit der Karte absah, konnte man bei genauerem Hinsehen die Umrisse einiger Ländereien erkennen, etwa das Gebiet um die Pioniersiedlung oder die kleine Stadt Logar mit dem Seweida-Wald in östlicher Richtung. Yeran betrachtete die Männer am Gästetisch für einen Moment. Es waren zweifellos jene Besucher, die am Morgen mit der Eskorte aus Varanas angereist waren. Er wurde neugierig und hätte sicher die eine oder andere Frage an sie gehabt, als Leighton, der mit dem Rücken zur Tür gestanden hatte, auf ihn zukam und ihm die Hand auf die Schulter legte. „Da bist Du ja, Yeran. Wir haben auf Dich gewartet.“ Der leichte Vorwurf in Leittons Stimme ließ Yeran erahnen, dass man ihn bereits seit einer Weile erwartete.

    „Ich habe Dich rufen lassen, weil unser Besuch aus Varanas nach einem jungen Mann sucht, dessen Beschreibung verblüffenderweise genau auf Dich passt. Du weißt ja, eigentlich habe ich Dich für die nächste Zeit zur Arbeit bei den Wasserbecken und an der Quelle eingeteilt, damit Du Avril zur Hand gehst. Diese Herren hier sind jedoch mit einer wichtigen Angelegenheit zu uns gekommen, bei der Du eine nicht unbedeutende Rolle zu spielen scheinst. Falls Du derjenige bist, den sie suchen. Aber wir wollen unsere Gäste nicht länger warten lassen, die den weiten Weg aus Varanas auf sich genommen haben, um, wie es scheint, Dich zu sehen.“ Yeran fühlte sich bei dem Gedanken an die Kutsche und ihre Eskorte, die man seinetwegen aus Varanas geschickt haben könnte, ziemlich geschmeichelt. Er wusste zwar nicht, was es mit dieser Angelegenheit auf sich hatte und ob der ganze Aufwand tatsächlich nur für ihn betrieben worden war, aber allein der Gedanke an diese Möglichkeit behagte ihm außerordentlich. Leighton führte Yeran schließlich zu den drei Männern an den Gästetisch. Ihre blauen Roben, die mit leuchtenden Stoffen verwoben waren, verströmten selbst in diesem abgedunkelten Raum noch eine Aura des Erhabenen und der Vornehmheit. Zuerst sollte Yeran einen für sein Alter noch recht jung aussehenden Mann mit langem hellem Haar kennen lernen. „Darf ich vorstellen, Meister Salond vom Auge der Weisheit, seines Zeichens Untersekretär in Varanas. Und dies ist Yeran Steinhauer, jüngster Spross der Pionierfamilie Steinhauer.“

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