• Community Roman - Kapitel 2

  • „Gut, dass ich Dich treffe, Yeran. Ich brauche Deine Hilfe. Der Frühsommer war dieses Jahr ungewöhnlich trocken, unser Vieh aber nicht weniger durstig. Du weißt ja, wie selten es in letzter Zeit geregnet hat. Wir brauchen dringend jemanden, der für das Dorf die Wasservorräte auffüllt und mir bei der Reinigung zur Hand geht.“ Während sie so sprach, sah Avril Yeran mit ihren großen dunklen Augen erwartungsvoll an. Nur ein Unmensch hätte es bei diesem Anblick wohl übers Herz gebracht, ihr diese Bitte abzuschlagen. Es gab zwar viele kräftige Burschen in der Siedlung, die ohne Mühe zwei oder mehr Eimer auf einmal hätten tragen können und denen es nichts ausgemacht hätte, schwer beladen immer wieder zwischen der Quelle am Alabaster-See und dem Dorfplatz hin und herzulaufen. Doch für das Reinigen des Wassers brauchte Avril jemanden, der Fingerspitzengefühl besaß, also eine Eigenschaft, die sie bei den Burschen aus der Mine oder bei den Kerlen von der Schmelze wohl vergeblich gesucht hätte. Yeran spürte, dass Avril ihn für diese Aufgabe regelrecht auserkoren hatte. Und noch bevor er darüber nachdenken konnte, wie mühsam es wohl sein würde den lieben langen Tag Wasser zu schöpfen und Eimer zu schleppen, hatte sein reizendes Gegenüber auch schon Leighton herangewunken, der sich sogleich zu den beiden gesellte und Yeran anerkennend auf die Schulter klopfte. „Das nenne ich Pflichtbewusstsein, Yeran. Deine Eltern werden stolz auf Dich sein können, wenn Dein Einsatz für die Siedlung heute Abend die Runde macht. Neben all den Rohstoffen, die wir hier in der Gegend abbauen und in der Schmelze und an den Werkbänken weiterverarbeiten, ist das Wasser doch unser kostbarstes Gut. Du weißt, dass ich ein Kopfgeld auf alle Pilzwesen ausgesetzt habe, die sich in der Nähe unserer Siedlung aufhalten. Ihre Sporen verunreinigen unser Wasser, sodass niemand mehr davon trinken kann, ohne krank zu werden. Der alte Gooding ist neulich nach einem kräftigen Schluck Sporenwasser beinahe in Ohnmacht gefallen. Einige dachten, er wäre auf seine alten Tage leichtsinnig geworden, bis wir den wahren Grund entdeckten. Die Fungi breiten ihre Sporen mit jedem Atemzug aus, für sie ist es ganz natürlich, doch für uns ist es gefährlich. Ich hoffe, dass sie sich mit der Zeit in ihren Pilzgarten nördlich von hier zurückziehen. Dort könnten sie in Frieden leben und wir hätten wieder sauberes Wasser.“

    Leighton bemerkte, dass sich Yeran trotz seiner guten Worte nicht so ganz wohl in seiner Haut fühlte. Der Gedanke an die bevorstehende und reichhaltige körperliche Arbeit gefiel ihm allem Anschein nach ganz und gar nicht. „Aber Yeran, wer wird denn zögerlich sein, wenn es gilt, Taten zu vollbringen! Jeder hier in der Siedlung hat seinen Platz und seine Aufgabe. Die einen schuften und schwitzen unter Tage und an den Feuern der Schmelze, während die anderen in den umliegenden Wäldern auf der Suche nach gutem Holz für den Bau und nützlichen Pflanzen für unsere Kräuterfrau Alice sind. Es gibt für jeden etwas zu tun. Lass also nicht den Kopf hängen, sondern mach Dich lieber gleich an die Arbeit. Außerdem hast Du ja die reizende Avril an Deiner Seite, um die Dich sicher jeder Bursche hier im Dorf beneiden wird. Und wenn Du Deine Sache gut machst, werde ich sehen, ob ich bei Gelegenheit ein gutes Wort für Dich einlegen kann. Doch nun frisch ans Werk! Avril wird Dir sagen, was Du zu tun hast.“


     

    Yeran war noch ein wenig abseits mit seinen Gedanken, als Leighton ihm in seiner gewohnt ruhigen Art gut zusprach. Er konnte sich nur mühsam damit abfinden, dass sein Ausflug nach Logar in nächster Zeit wohl nicht stattfinden würde. Ein kleines Abenteuer hätte es werden sollen, ein heimlicher Aufbruch in die Ungewissheit seiner bevorstehenden Zukunft. Doch wie es schien, musste Logar noch eine Weile auf Yeran warten. Und so besann sich unser junger Mann, ließ seinen Tagtraum Tagtraum sein und blickte Avril und Leighton mit frisch gewonnener Zuversicht ins Angesicht. „Du hast recht, Leighton. Jemand muss Avril helfen und sich gemeinsam mit ihr um unseren Wasservorrat kümmern. Ich habe lange auf eine Gelegenheit gewartet, um mich für die Siedlung nützlich zu machen und allen zu zeigen, dass ein Steinhauer auch abseits der Schächte und Stollen zu Taten fähig ist. Für diesen Tag hatte ich zwar andere Pläne, aber wenn es Ayvenas und seiner Vorsehung gefällt, werde ich mein Vorhaben aufschieben und Euch zur Hand gehen.“

    Mit diesen Worten griff Yeran sich beherzt zwei der Eimer, die neben dem großen Wasserbecken standen, und wollte sich gleich zum nahe gelegenen Alabaster-See aufmachen. Leighton verabschiedete sich noch von ihm und der sichtlich erleichterten Avril, die nun endlich einen Helfer für ihre mühselige Arbeit gefunden hatte. „Du wirst Deinen Weg finden, Yeran. Doch heute führt er Dich nicht in die Ferne, sondern zu den Wasserfällen unserer Quelle. Gib acht, dass Du das verunreinigte Wasser nicht mit dem sauberen mischst, sonst hättest Du Dich vergebens abgemüht. Avril wird Dir alles Weitere erklären, sobald Du das große Becken mit frischem Wasser von der Seequelle gefüllt hast. Und dass mir keine Klagen kommen!“ Den letzten Satz sprach Leighton mit einem Augenzwinkern, bevor er sich wieder anderen Dingen zuwandte. Yeran konnte auch ein verstohlenes Grinsen in seinen Gesichtszügen erkennen. Ob Leighton etwas von seinem Gespräch mit Delana mitbekommen hatte? Bewahre, dachte Yeran bei sich. Es genügte wohl, wenn er einen Mitwisser in seinen noch unbeholfenen Herzensangelegenheiten hatte. Die Pioniersiedlung war eine kleine Welt für sich, in der vermeintliche Geheimnisse schnell die Runde machten. Yeran beließ es für den Augenblick dabei, nickte Leighton noch einmal folgsam zu und schritt dann auf die kleine Gasse zwischen den Pionierhäusern zu, die zum See führte. Während Avril ihm noch nachrief, dass er das Wasser möglichst vom Rand des äußeren Ufers holen sollte, stand auch schon der alte Gooding vor ihm, gestützt auf seinen verwitterten Stab. Yeran kannte den in die Jahre gekommenen Mann gut, da er zu beinahe jeder Gelegenheit aus seiner Jugend zu erzählen begann, wann immer sich ihm ein möglicher Zuhörer näherte. „Denk dran, Junge. Heute bist Du frisch und kräftig, aber mit den Jahren kommt das Alter und kriecht langsam in alle Ecken und Winkel Deines Körpers. Sieh mich an, früher war ich ein Haudegen und ein wilder Abenteurer, vor dem sich vor allem die Frauenzimmer in acht nehmen mussten. Ja, das waren noch Zeiten!“ Yeran schmunzelte, er konnte den alten Gooding mit seinen Geschichten nicht mehr so recht ernst nehmen. Obwohl er noch auf dem Hinweg zum See war und seine Wassereimer nicht gefüllt waren, kam ihm recht schnell der Gedanke, dass er dem alten Mann in nächster Zeit noch öfter begegnen würde. Jeder seiner Wege würde an dem alten Mann vorbeiführen, ob nun leichten Fußes mit leeren Eimern auf dem Hinweg oder schwer beladen mit frischem Wasser aus der Seequelle auf dem Rückweg.

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