• Community Roman - Kapitel 3

  • Für den Augenblick können wir weder Ayvenas noch die üblen Dämonen für die Vorgänge am Waldsee verantwortlich machen. Es muss eine andere Erklärung geben. Und tatsächlich, wir haben eine entscheidende Figur im Spiel der Kräfte vergessen. Es ist Narfas, der Gott des Wassers und der Quellen. Kein Anderer hat so selbstverständlich Umgang mit dem rauschenden Element wie er. Doch was kann er von Yeran wollen, dass er unserem jungen Helden die Sinne verwirrt und ihn hinabzieht in sein wogendes Reich der Tiefe? Die Wege eines Gottes sind unergründlich, doch Yeran sollte schon bald mehr über Narfas' Willen erfahren. In der verschwommenen Stille des Sees durchlebte unser Held einen regelrechten Rausch der Tiefe, wobei ihm auf magische Weise Ereignisse und Eindrücke vor Augen geführt wurden, die er niemals für möglich gehalten hätte. Farben und Formen wetteiferten in den wunderbarsten Erscheinungen miteinander, bevor sie lautlos in den Weiten des Wassers verschwanden. Yeran sank immer weiter in die Tiefe, während sich die aufgewirbelten Wasser an der Oberfläche und der magische Strudel über ihm wie von selbst legten. Narfas wachte mit sicherer Hand über seinen jungen Schützling, den er im Geheimen bereits viele Jahre im Auge gehabt hatte. Er wusste mehr über Yeran als dieser wohl über sich selbst. Vor Narfas' Auge konnte sich so gut wie nichts verbergen, denn der Gott lebte jenseits der Vergänglichkeit der Zeit. Für ihn gab es nur Unendlichkeiten, in denen sich die Wesen Taboreas zu immer neuen Gestalten formten, um die Weiten jener Welt mit Leben zu erfüllen. Wie weit die seherischen Kräfte des Quellgottes reichten, vermochte kaum ein Sterblicher zu sagen. Sicher war indessen nur, dass Narfas neben Ayvenas einer der mächtigsten Götter Taboreas war.

    Als Yeran am Grund des Sees angekommen war, fand er dort nicht die dunklen Wasser der Tiefe vor, wie wir sie uns in einem solchen Moment vorgestellt hätten. Vielmehr konnte er in dem verschwommenen Treiben ein Leuchten erkennen, das hinter allerlei Tang und wogendem Dickicht hell und klar strahlte. Die Seepflanzen schienen dieses Leuchten aufzunehmen, denn sie neigten ihm ihre Blätter und Blüten zu und gaben kurz darauf selbst einen wohltuenden Schimmer von sich, sodass der Grund des Sees bald einem Garten aus sanften Lichtern glich, die sich im Gang der Strömung auf und ab bewegten. Yerans Blicke waren für einen Moment wie gebannt auf dieses Schauspiel gerichtet, bevor er sich neugierig weiter auf das seltsam wohltuende Leuchten zubewegte. Plötzlich hielt er inne, denn mit einem Mal schien eine Stimme aus der Stille des Sees zu ihm zu sprechen.

    „Yeran, mein junger Freund, hab keine Furcht. Hier bist Du in Sicherheit. Die Welt jenseits des Wassers soll Dich für den Augenblick nicht weiter kümmern. Ich bin Narfas, der Gott der rauschenden Fluten und der sprudelnden Quellen. Vom weiten Weltenmeer, das entlang der Gestade und jenseits der Gezeiten braust, bis zu den flüchtigen Bächen der Schneeschmelze, die das Tauwetter hervortreibt, ist mir alles Wasser untertan. Vor Ayvenas neige ich mein Haupt, denn seine Macht vermag sowohl Welten zu formen als auch Zeitalter zu vernichten. Doch der Anblick des Schöpfergottes ist selten geworden in diesen Tagen, und außer mir sind nur noch wenige Götter in Taborea verblieben. Die Menschen, früher stolz und kühn in ihren Taten, sind heute nur mehr ein schwacher Abglanz ihrer einstigen Macht und Größe. Das Wissen der Zeitalter ging ihnen im Laufe der Jahrhunderte verloren. Getrieben von der Hoffnung auf eine ungewisse Zukunft rafften sie sich dennoch auf, um in den Weiten der Welt nach den Überresten ihrer früheren Zivilisation zu suchen. Ich habe Euch über das Meer kommen sehen. Von dem Land, das Ihr Kolydia nennt, seid Ihr in dieses Reich aufgebrochen, dem Ihr den Namen Candara gabt. Wisset, dass Ihr ein Reich betretet, das lange vor Eurer Zeit blühte und in voller Pracht stand. Wo Ihr nur Wildnis und fremde Völker finden werdet, liegt in Wahrheit die Wiege Eurer Zivilisation. Es sind dies die Alten Königreiche, die unter dem Staub der Jahrhunderte schlummern und nur das wissende Auge vermag die Vermächtnisse der vergangenen Zeitalter zu entdecken. Doch sei gewarnt, Yeran. Es harren auch unzählige Übel in den alten Teilen dieser Welt. Wer sie unbedacht ans Tageslicht bringt, wird ein jähes Ende finden. Aber nicht nur die Vergangenheit birgt Gefahren, ich sehe auch neue Feinde, die sich hinter falschen Gesichtern verbergen und in geheimen Winkeln verderbliche Pläne schmieden. Sollte es ihnen gelingen, die mächtigen Schätze dieses Landes als Erste aufzuspüren, werden sie ihre Kräfte gegen jeden einsetzen, der sich ihnen in den Weg stellt. Yeran, Du musst ihnen zuvorkommen und verhindern, dass sie die Mächte der Vorzeit für ihre falschen Götter einsetzen. Die Zeit drängt, denn sie sind bereits weit in die Ländereien dieses Reiches vorgedrungen. Du musst ihren finsteren Plänen um jeden Preis ein Ende machen. Begib Dich zur alten Stadt der Wächter, in deren Ruinen die seelenlosen Riesen wandeln, und vereitle dort die Pläne der gesichtslosen Frevler. Zerschmettere ihr falsches Antlitz und Du wirst ihre wahren Absichten erkennen. Doch wandle nicht allein auf Deinem Pfad, denn der Feind ist mächtig. Ein Orden der Wissenden ist mit Euch in diese Ländereien gekommen. Suche ihre Nähe und vergewissere Dich ihrer Unterstützung. Dies Zeichen will ich Dir mit auf den Weg geben. Bewahre es gut, denn seine Macht wird Dir eines Tages die Wahrheit über die Schätze dieser Welt offenbaren.“

    Während der Quellgott zu ihm sprach, hatte das schimmernde Licht am Grund des Sees Yeran vollkommen eingehüllt. Das zauberhafte Spiel der Farben und Formen war im Schein der Helligkeit allmählich verblasst. Als Narfas' Stimme ihre Botschaft ausgesprochen hatte, zog sich das helle Licht in sich zusammen und verschwand mitsamt dem wohltuenden Schimmer der Seepflanzen in den dunklen Tiefen des Wassers. Noch bevor Yeran seine Gedanken sammeln konnte, um zu begreifen, wo er sich befand und was mit ihm geschehen war, erfassten ihn eine Strömung sanfter Wellenbewegungen, um ihn zurück an die Oberfläche zu tragen. Ohne dass er die Kraft gehabt hätte dagegen anzukämpfen, wurde Yeran von einer schützenden Hand aus magisch geformtem Wasser wieder behutsam am Ufer des Sees abgesetzt, wo er sich schließlich auf jener kleinen Landzunge im Schatten der großen Esche wiederfand. Nach einem kurzen Augenblick der Erholung blickte Yeran noch einmal verwundert zu den seichten Wellen in der Mitte des Sees hinüber. Alles schien ruhig und seltsam unverändert. Doch bevor er sich über die jüngsten Ereignisse Klarheit verschaffen konnte, indem er sich etwa an das Geschenk des Quellgottes erinnerte, würde er sich wohl oder übel mit einer ungeduldig nach ihm suchenden Avril auseinandersetzen müssen. Schon hörte er sie seinen Namen rufen, während ihre Blicke das Ufer nach ihm absuchten. Und es dauerte nicht lange, da hatte Avril ihn in seiner idyllischen Zuflucht gefunden.

    „Mein lieber Herr Steinhauer, hier finde ich Dich also!“, sagte sie in einem für ihr liebreizendes Wesen sehr ernsten Tonfall. „Unsere Wasservorräte füllen sich nicht von selbst auf. Ich sollte Dir wohl am besten einen Eimer Quellwasser über Deinen unverschämten Kopf gießen, damit Du endlich mit Deiner Arbeit anfängst, anstatt hier im Schatten der Bäume zu faulenzen. Nicht einen Eimer hast Du mir gebracht!“ Yeran, der alles andere als glücklich über Avrils Aufruhr war, versuchte zu erklären, was vorgefallen war. Doch abgesehen von der Tatsache, dass er sich selbst noch nicht einmal sicher sein konnte, ob er seine jüngsten Erinnerungen nicht bloße Einbildung waren, hätte seine Geschichte wohl nicht einmal den alten Gooding überzeugen können. Das ganze Dorf hätte ihn vermutlich bald für verrückt gehalten. Dabei hatte er doch untrügliche Beweise für seine Geschichte. Aber wo waren sie? Seine Kleidung war unverhofft trocken, selbst seine Schuhe zeigten keine Spur von Nässe, und weder Seetang noch andere Wasserpflanzen lugten an irgendeiner Stelle hervor. Hatte er sich die ganze Sache am Ende doch nur eingebildet? Er warf einen kurzen Blick über die Schulter, konnte am Waldsee jedoch keine Anzeichen für irgendwelche geheimnissvollen Vorgänge entdecken. Im Wasser waren keine Lichter oder gar Gestalten zu erkennen, und von einem magischen Wasserstrudel, der ihn in seinen Bann gezogen haben sollte, fehlte jede Spur.

    „Hörst Du mir überhaupt zu?“, fuhr ihn Avril nach einer Weile doch recht ärgerlich an. Sie hatte innegehalten und Yeran beobachtet, wie er mehr oder weniger ratlos dasaß und nach Antworten suchte. „Ich wollte nur ...“, begann Yeran vorsichtig eine Erklärung, doch Avril schnitt ihm harsch das Wort ab. „Keine weiteren Ausreden. Wenn Du Dich vor der Arbeit drücken willst, werde ich Dir eigenhändig so lange das verunreinigte Wasser mit den Fungus-Sporen einflößen, bis Du entweder selbst zu einem Pilzwesen wirst oder mir endlich bei der Arbeit zur Hand gehst.“ Da hatte Yeran sich ganz schön etwas eingebrockt. Mit dem heutigen Tag hatte er doch endlich alles richtig machen wollen. Was würden erst Leighton und die anderen Leute im Dorf sagen, wenn sie von seiner Untätigkeit erfuhren. Yeran wollte es darauf gar nicht erst ankommen lassen. Er hörte Avril reumütig zu, bis die gute Seele des Dorfes nach einer Weile ungeteilter Aufmerksamkeit endlich wieder versöhnlich wurde. Zu seiner Überraschung scheuchte sie ihn aber nicht gleich mitsamt seinen Wassereimern vom Quellsee zum Dorfplatz und wieder zurück, sondern ließ ihn wissen, dass Leighton sich überraschend nach ihm erkundigt hatte. „Einer der hohen Herren aus Varanas hat nach einem jungen Mann hier aus der Siedlung gefragt. Du sollst seiner Beschreibung bis aufs Haar gleichen. Ich weiß auch nicht, wie das möglich sein sollte, doch sie wollen Dich so bald wie möglich im Pionierhaus sprechen. Aber lass Dir ja nicht einfallen, Deine Arbeit danach zu versäumen! Sonst sorge ich dafür, dass Dir Delana und Meratan Deine Steinhauer-Ohren so langziehen, dass Du Dich zu den Hasen auf den Feldern gesellen könntest, ohne weiter aufzufallen.“

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